Spätsommer – Erde-Zeit, oder: der Sinn der Dankbarkeit

Nimm eine Handvoll Sommer in den Herbst hinein, um von den Früchten der Erinnerung zu zehren und von den langen Tagen, blau vor Sonnenschein, die jäh entschwunden sind und nicht mehr wiederkehren.

Friedrich von Tschudi

Die letzten Tage und Wochen hat uns die Sonne noch einmal so richtig verwöhnt. Nachdem es im August schon mal deutlich kälter und regnerischer geworden war, kam im September noch einmal der Spätsommer zu uns.

Und er kam mit vielen Geschenken und in all seiner Pracht: strahlend blauer Himmel, so viel Wärme und Licht, dass die Straßen und die Terassen der Cafes und Restaurants voller Menschen waren, die einfach nur genießen wollten.

All die vielen bunten Blumen: Astern, Zinnien, Dahlien, Sonnenblumen, Sonnenhut, Rosen, Ringelblumen, Lavendel. Die herrlichen Pflaumen, Äpfel, Birnen an den Bäumen. Die ersten Walnüsse und Haselnüsse. Kürbisse in allen Facetten, Farben und Formen. Auch die Hagebutten, rote und orangenen Beeren an den Sträuchern, Vogelbeeren, Weißdorn. Eine unglaubliche Farbenvielfalt.

Wer Augen und Ohren hat, wer seinen Blick auf die kleinen Dinge lenken kann und nicht nur das sieht, was gerade nicht läuft oder nicht gefällt, im Kleinen und im Großen, der findet all das, was uns der Spätsommer in diesen vielen Tagen noch einmal geschenkt hat. Denn das ist es: ein riesengroßes Geschenk an uns, bevor die dunkleren Tage und die langen kalten Nächte kommen.

Der Spätsommer zählt als fünfte Jahreszeit zur Wandlungsphase Erde.

Die Erde wird auch oft als Zeit zwischen den vier Jahreszeiten bzw. den Wandlungsphasen bezeichnet, als Dojo-Zeit. (Dazu schreibe ich ein andermal mehr.)

Es ist die Zeit der Ernte, der Reife und Fülle. Mutter Erde schenkt uns die Nahrung, die wir brauchen für den langen Winter. (Auch wenn wir inzwischen alles im Supermarkt einkaufen können.) Aber schmeckt es nicht viel besser, wenn wir aus den eigenen Früchten, die wir selbst geerntet haben, etwas feines kochen? Eine leckere Kürbissuppe, eine Tomatensuppe mit Sahne und Basilikum, ein Apfel-Birnen-Kompott mit Ingwer und Zimt, ein Pflaumenkuchen mit herrlichen Streuseln. Und ein Eierkuchen mit eigenem Apfelmus an einem nasskalten Dezembertag lockt die Erinnerung an warme Tage doch fast von selbst hervor.

In der Wandlungsphase Erde können wir uns fragen: Was nährt mich?

Einerseits sind es unsere Lebensmittel; hoffentlich gute Lebensmittel, aus der Region, vielleicht vom Biobauern um die Ecke. Nehme ich mir die Zeit zum Kochen, und dann auch zum Essen? Mache ich es mir schön, mit einer Kerze auf dem Tisch, mit Blumen? Habe ich meine Familie oder auch Freunde um mich? Kann ich diese Zeit genießen, auch wenn ich allein bin?

Was nährt mich noch, außer gutem Essen? Ein gutes Buch, ein anregender Film, eine beschwingte Musik. Selbst singen und Musik machen. Eine Stunde im Garten. Ein Abend zu zweit, mal ohne Kinder. Ein Spieleabend mit meinen Kindern. Ein Glas Wein und ein Schwatz mit meiner Freundin. Eine Massage von meinem Liebsten. Ein genüssliches Bad in der Wanne, mit duftendem Öl. Eine kleine Wanderung in den linkselbischen Tälern mit meinem Hund. Ein Blick auf unsere kleinen Katzen, wie sie miteinander toben oder irgendwo zusammengerollt schlafen… Ich könnte immer weiter erzählen, es gibt so viele Dinge, die mich nähren, mich glücklich und zufrieden machen.

Die Erde-Zeit ist auch die Zeit der Dankbarkeit.

Ja, eigentlich sollte immer Zeit für die Dankbarkeit sein. Aber jetzt wird es uns vielleicht mal wieder bewusster, wie dankbar wir sein können für all die kleinen und die großen Dinge. Übrigens: seit ich mich in letzter Zeit vermehrt mit der Dankbarkeit beschäftigt habe, stolpere ich ständig über sie, in einem Buch, einem Text in einer Zeitschrift, in einem Blogbeitrag, in einem Lied. Erst gestern habe ich mit meinen Kolleginnen gesungen:

Leise geht der Sommer wieder, hat uns alle reich beschenkt, gab uns Blumen, Korn und Früchte, weil der Sommer an uns denkt. Sagen wir dem Sommer danke, trocknen einen Strauß aus Gras, sammeln Äpfel in die Körbe und Tomaten in das Glas…

Ursula Werner-Böhnke

Was bringt uns die Dankbarkeit? Sie lässt uns im Hier und Jetzt sein. Alles ist gut so, wie es ist. Wenn die Sonne scheint, genieße ich sie. Wenn es regnet, freue ich mich, dass die Pflanzen und Tiere Wasser haben und genährt werden. Wenn ein Arbeitstag vor mir liegt, bin ich dankbar, dass ich Arbeit habe, im besten Fall macht sie mir auch noch Freude. Wenn das Wochenende kommt, freue ich mich auf die freien Tage. Alles ist gut so, wie es ist. Wenn ich nicht mehr unterscheide, was gut und was schlecht ist, kann ich letztendlich für alles dankbar sein. Jeder Augenblick meines Lebens hält ein Geschenk für mich bereit, ich muss es nur sehen können. Ja, manchmal dauert es Jahre, ehe ich den Sinn dieses Geschenkes verstehe und es annehmen kann. Aber ich habe es schon oft erlebt, dass ich im Nachhinein dankbar war für Krankheit, Schmerzen, einen Unfall mit meinem Auto.

Ich gebe zu, es gelingt mir nicht jeden Tag, meine Dankbarkeit zu kultivieren, aber immer öfter. Und ich merke, dass ich dann meist zufriedener durch den Tag gehe.

Was können wir also tun, um unsere Erde-Energie zu stärken?
  • Nimm dir Zeit und Ruhe für deine Mahlzeiten. Gutes Essen ist wie Medizin! Iss regelmäßig und möglichst oft warm. Frühstücke wie ein Kaiser, iss mittags wie ein Edelmann und abends wie ein Bettler.
  • Singe für dich allein oder in einem Chor oder Singkreis. Chante Mantras.
  • Nimm dir Zeit für die Pflege deines Körpers. Er ist dein Zuhause hier auf der Erde. Verwöhne ihn beim Duschen und Baden. Gehe in die Sauna. Gönne dir öfter eine schöne Massage oder eine entspannende Shiatsu-Behandlung.
  • Zentriere dich. Setze dich auf einen Stuhl oder in den Schneidersitz auf ein Kissen. Beginne langsam, deinen Oberkörper gegen den Uhrzeigersinn zu drehen. Du kannst dabei summen oder singen. Die Übung bringt dich wieder in deine Mitte.
  • Knie dich auf den Boden und rolle dich zusammen wie ein Baby. Lege deine Hände neben deinen Oberkörper und den Kopf auf die Erde. Diese Übung heißt „kleine Kugel berührt große Kugel“, dein Kopf (kleine Kugel) berührt Mutter Erde (große Kugel). Lass dich tragen von der Erde und gib alles ab, was du nicht mehr brauchst.
  • Kultiviere die Dankbarkeit. Schreibe täglich am Morgen oder Abend in eine kleines schönes Büchlein fünf Dinge auf, für die du dankbar bist.

Ich werde die letzten Spätsommertage noch besonders genießen. Ich werde meine Augen offen lassen für die Schönheit der Natur, für die Farben und Formen. Ich werde versuchen, im Augenblick zu leben, mich nicht von Sorgen und Grübeleien runterziehen zu lassen. Ich werde bei der nächsten kleinen Wanderung barfuß über die Wiese laufen und mich von Mutter Erde getragen wissen. Ich werde am Wochenende einen Apfelkuchen backen. Ich werde morgen früh in mein kleines Dankbarkeitsbüchlein schreiben, wofür ich dankbar bin.

Und was wirst du tun?

Geh, als wolltest du die Erde mit deinen Füßen küssen.

Thich Nhat Hanh

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